Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger ist für seine neoliberalen Positionen bekannt. Die aktuelle Wirtschaftsflaute kommt ihm dabei durchaus gelegen: Dient sie ihm doch als willkommener Anlass, aus seiner Sicht längst überfällige Reformen im Arbeitsrecht konsequent im Sinne der Arbeitgeber voranzutreiben.
Das ist erst mal nichts Verwerfliches. Dulger vertritt die Interessen der Arbeitgeber – genau dafür ist sein Verband da. Problematisch wird es dort, wo er der Regierungskoalition vorwirft, „hart an der Grenze der Verantwortungslosigkeit“ zu handeln, und der SPD attestiert, den „Ernst der Lage“ noch immer nicht erkannt zu haben.
Was er damit meint, bleibt sein Geheimnis.
Konkret fordert der 61-Jährige die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, eine Neuregelung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie eine sogenannte „Modernisierung des Arbeitszeitgesetzes“. Was unter dem Etikett Reform und Modernisierung verkauft wird, läuft in der Summe jedoch auf einen arbeitsmarktpolitischen Rückschritt hinaus – eher zurück in die 1970er Jahre als nach vorn.
Dabei müsste der Perspektivwechsel eigentlich genau andersherum aussehen. Nicht mehr, sondern klüger sollte gearbeitet werden. Dort, wo Digitalisierung und der Einsatz künstlicher Intelligenz Arbeit effizienter, leichter und produktiver machen, müssen sie auch konsequent genutzt werden. Das geschieht allerdings nicht von selbst. Wer Bilder bei Facebook hochladen kann, ist noch lange nicht in der Lage, digitale Prozesse zu steuern oder KI sinnvoll einzusetzen.
Genau hier liegt die eigentliche Verantwortung der Arbeitgeber. Weiterbildung in digitalen Kompetenzen und im Umgang mit KI sind die wirklich überfälligen Reformen – und sie lassen sich nur in den Unternehmen selbst anstoßen.
Krankschreibung und Lohnfortzahlung reformieren? Ja, auch das liegt in der Hand der Arbeitgeber. Was spricht dagegen, Mitarbeitende bis zu drei Tage weiter zu bezahlen, wenn sie krank zu Hause bleiben? Nichts. Außer vielleicht die Erkenntnis, dass viele danach schneller an ihren Arbeitsplatz zurückkehren würden – zumindest dann, wenn es ihr Gesundheitszustand zulässt.
Der demografische Wandel wird die Unternehmen ohnehin hart treffen. Wer entscheidet sich künftig noch für die freie Wirtschaft, wenn Militär, öffentlicher Dienst und Industrie zunehmend um dieselben Fachkräfte konkurrieren? Die Bundeswehr etwa bietet längst attraktive zivile Arbeitsplätze in Verwaltung, Logistik, Vertrieb oder Instandhaltung – inklusive planbarer Karrierewege.
Unternehmen werden sich deshalb anstrengen müssen: attraktivere Arbeitsplätze, verlässliche Kinderbetreuung, solide Altersvorsorge. Und vor allem: Abschied von Arbeitsmodellen, die auf zehn Stunden monotone Tätigkeit setzen. Dank Digitalisierung und KI ist dieser Abschied nicht nur möglich, sondern überfällig.
Andernfalls droht ein anderes Szenario: der Verlust des Anschlusses – und die Reduktion auf die verlängerte Werkbank anderer Volkswirtschaften.
Also weg mit den Phrasen. Wir brauchen keinen alten Wein in neuen Schläuchen. Wir brauchen kluge Köpfe. Wir brauchen Systeme, die aus Daten lernen, Muster erkennen, Texte generieren und Entscheidungen vorbereiten.
Chatbots, automatisierte Sachbearbeitung, Analyse-Tools zur Auswertung großer Datenmengen – all das ist längst Realität und muss konsequent genutzt werden. Tätigkeiten, die stark standardisierbar sind, sollten automatisiert werden. Umso entscheidender wird Weiterbildung in digitalen und KI-Kompetenzen für die Beschäftigungsfähigkeit der Zukunft.
Das sind Reformen, die Unternehmen wirklich brauchen – und die sie selbst gestalten können. Was wir nicht brauchen, sind Zehn-Stunden-Tage und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber erkrankten Beschäftigten.